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Interview 19. August 2026

Mehr als drei Jahrzehnte Forschung in Dresden-Rossendorf: Vinzenz Brendler verabschiedet sich

Foto: Prof. Vinzenz Brendler ©Copyright: André Wirsig

Prof. Vinzenz Brendler

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Mit einem feierlichen Symposium würdigt das Institut für Ressourcenökologie des Helmholtz-Zentrums Dresden-Rossendorf (HZDR) am 20. August 2026 die wissenschaftliche Laufbahn von Prof. Vinzenz Brendler. Seit 1993 forscht er am Standort und hat insbesondere die Geochemie mitgeprägt, zunächst als Wissenschaftler, später als Abteilungsleiter und stellvertretender Institutsdirektor. Im Interview spricht er darüber, wie sich sein Forschungsgebiet mit der Zeit verändert hat und warum es sich lohnt, auch die eigenen Ergebnisse immer wieder zu hinterfragen.

Ein Schwerpunkt seiner wissenschaftlichen Arbeit liegt auf der Modellierung geochemischer Prozesse. Dabei geht es unter anderem darum, das Verhalten und die Ausbreitung langlebiger Radionuklide im Untergrund vorherzusagen, etwa für die Sanierung von Altlasten oder die Sicherheit nuklearer Endlager. Weil für solche komplexen Systeme nie alle benötigten Daten zur Verfügung stehen, spielen Sensitivitäts- und Unsicherheitsanalysen eine wichtige Rolle.


Wenn Sie auf Ihre Zeit am HZDR zurückblicken: Was hat sich in Ihrem Forschungsgebiet am stärksten verändert?

Ich bin von einem Experimentator, der unglücklich im Labor gearbeitet hat, zu einem glücklichen Modellierer geworden. Mein erster Chef, Heino Nitsche, der in den 1990er Jahren das Institut für Radiochemie leitete, erkannte, dass ich am Computer viel besser aufgehoben bin als im Labor. So bin ich in diesen damals noch relativ neuen Bereich gekommen und hatte von Anfang an mit spannenden internationalen EU-Projekten zu tun.

Anwendungsfälle für unsere Modelle waren zunächst beispielsweise Altlasten des Uranbergbaus, später kam die Endlagerforschung hinzu. Auch bei Ereignissen wie der Reaktorkatastrophe von Fukushima oder im Zusammenhang mit dem Einsatz von Uranmunition im Kosovokrieg konnten wir unsere Expertise einbringen.

Methodisch ist das Forschungsgebiet über die Jahre immer mathematischer geworden. Unsicherheitsanalysen haben stark an Bedeutung gewonnen: Wir wollen nicht nur ein Ergebnis berechnen, sondern auch wissen, wie verlässlich es ist. Heute geht die Entwicklung weiter in Richtung Maschinelles Lernen und Digitale Zwillinge.

Welche wissenschaftliche Frage würden Sie in Ihrem Bereich gerne noch beantwortet sehen?

Bei großen realen Anwendungsfällen bräuchten wir eigentlich viel mehr Daten, als uns zur Verfügung stehen. Unsere Datensätze sind häufig lückenhaft. Trotzdem wollen und müssen wir zu belastbaren Aussagen kommen. Dafür arbeiten wir unter anderem mit Näherungen, Analogien und statistischen Methoden.

Mich beschäftigt deshalb die Frage, wie weit wir in der Geochemie mit Unsicherheitsanalysen gehen können: Wie können wir trotz einer begrenzten Datenbasis Ergebnisse möglichst zuverlässig interpretieren? Und wie können wir besser quantifizieren, wie sicher oder unsicher eine Prognose tatsächlich ist? Das würde ich gerne noch weiter ausloten.

Was werden Sie am Arbeitsalltag im Forschungszentrum vermissen – und was ganz sicher nicht?

Vermissen werde ich vor allem den direkten persönlichen Kontakt und den Austausch mit liebgewonnenen Kolleginnen und Kollegen auf den Fluren. Auch wenn ich noch hin und wieder hier aufkreuzen werde, wird es nicht mehr dasselbe sein. Nicht vermissen werde ich manche administrative Aufgabe, mit der ich als stellvertretender Institutsleiter zu tun hatte.

Gibt es etwas, das Sie Ihren Kolleginnen und Kollegen am HZDR gern mit auf den Weg geben möchten?

Neugierig bleiben und alles hinterfragen, auch die eigenen Ergebnisse. Es ist erstaunlich, wie oft Dinge am Ende anders funktionieren, als es die gängige Lehrmeinung zunächst vermuten lässt. Wenn man solchen Beobachtungen nachgeht, entstehen daraus oft auch die Ideen für neue Projekte.

Wie geht es jetzt für Sie weiter?

Zunächst bin ich über eine Projektstelle noch bis Ende des Jahres am HZDR beschäftigt. In dieser Zeit werde ich auch die Datenbanken weiter betreuen, die ich aufgebaut habe und mit denen ich noch einiges erreichen möchte. Aus den Abteilungsbesprechungen werde ich mich dann allerdings zurückziehen.

Eines habe ich mir fest vorgenommen: Für alle Nachwuchskräfte an unserem Institut, die derzeit promovieren oder eine Abschlussarbeit schreiben, möchte ich bis zu ihrer Verteidigung ansprechbar bleiben.


Zur Person:

Vinzenz Brendler wurde in Zittau geboren und studierte Verfahrenschemie an der TU Bergakademie Freiberg sowie zeitweise an der TH Leuna-Merseburg. Sein Studium schloss er 1989 mit Auszeichnung ab. Nach seiner Promotion und einem einjährigen Forschungsaufenthalt an der damaligen Norwegischen Technischen Hochschule in Trondheim kam er 1993 an das Institut für Radiochemie des Forschungszentrums Rossendorf.

Seitdem war er in verschiedenen Funktionen in der Rossendorfer Forschung tätig, zuletzt am Institut für Ressourcenökologie des HZDR. Dort leitete er die Abteilung „Thermodynamik der Aktiniden“ und war stellvertretender Institutsdirektor. Seit 2017 ist er zudem Honorarprofessor an der Hochschule für Technik und Wirtschaft Dresden.